
- Nervenzellen - Johannes Höntsch / Pixelio
Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie an der Universität Bremen und Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes, stellen die neusten Erkenntnisse der Forschung vor und diskutieren, in wie weit diese uns zwingen, unserer Vorstellung von der Willensfreiheit des Menschen zu revidieren. Sie geben dabei einen Überblick sowohl über den naturwissenschaftlichen als auch den philosophischen Stand der Diskussion und beleuchten im Schlusskapitel, was dies für unsere bisherige Vorstellung von Schuldfähigkeit und damit für das Strafrecht bedeutet.
Willensfreiheit - was ist das überhaupt?
Zu Beginn geben die Autoren einen historischen Abriss über den Begriff der Willensfreiheit. Sie diskutieren dann, was man „sinnvollerweise“ unter Freiheit verstehen kann und führen zwei Minimalbedingungen auf, die es erlauben, zwischen freien und unfreien Handlungen zu unterscheiden.
Demgemäß erfolgen freie Handlungen weder unter Zwang, noch sind sie vollständig von außen determiniert, d.h. sie sind autonom (Autonomieprinzip). Gleichzeitig geschehen freie Handlungen aber auch nicht zufällig. Eine freie Handlung muss „eine Person als Urheber haben“ und sich genau auf diese eine Person zurückführen lassen. Freie Handlungen entsprechen also dem Prinzip der Urheberschaft. Die Autoren setzen daher Freiheit auch mit Selbstbestimmung oder selbstbestimmten Handeln gleich.
Als nächstes argumentieren die Autoren, dass sich jede freie Handlung aufgrund des Prinzips der Urheberschaft auf die sogenannten personale Präferenzen zurückführen lässt, also auf die „Überzeugungen, Wünsche oder Charaktermerkmale“ der handelnden Person. In anderen Worten: unsere Entscheidungen sind das Produkt unserer persönlichen Erfahrungen und der daraus gewonnenen Überzeugungen und Wünsche.
Willensfreiheit und Determination - zwei inkompatible Begriffe?
Den Naturwissenschaften (mit Ausnahme vielleicht der Quantenphysik) liegt ein deterministisches Weltbild zugrunde. Hält man einen Apfel in der Hand und lässt ihn los, fällt er zu Boden. Jedes Mal. Wird eine Nervenzelle im Gehirn erregt, feuert sie. Jedes Mal. Wenn nun aber das menschliche Denken und Handeln auf das Aktivitätsmuster bestimmter Nervenzellen zurückzuführen ist und diese unter denselben Umständen immer genau gleich reagieren, wo bleibt dann der freie Wille? Nach Pauen und Roth ist das die falsche Frage. Nicht ob unser Handeln determiniert ist, sei wichtig, sondern wie.
Wenn jemand aufgrund seiner personalen Präferenzen A statt B wähle, geschehe dies selbstbestimmt und damit frei. Gleichzeitig ist die Wahl der Handlung A determiniert, nämlich eben durch die Überzeugungen und Erfahrungen der handelnden Person, die im Übrigen dem Handelnden zum Zeitpunkt der Entscheidung häufig nicht bewusst sind. Bleiben diese Präferenzen gleich, würde die Person unter identischen Umständen jederzeit wieder Handlung A wählen. Die Entscheidung ist folglich zwar determiniert, aber selbstbestimmt - und damit frei. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determination ist aufgelöst.
Offen bleibt allerdings, wie feinkörnig die Autoren eine Handlungsoption definieren. Wenn ich den Drang nach Süßem verspüre und diesem nachgebe, ist das Naschen an sich bzw. das Mich-Beherrschen die Handlungsalternative oder die Frage, ob ich mich für ein Stück Schokolade oder eine Haselnusswaffel entscheide? Mit Ersterem könnten die meisten wahrscheinlich leben, ein unweigerliches Greifen zur Haselnusswaffel würden die meisten Menschen wahrscheinlich als starke Einschränkung ihrer Willensfreiheit empfinden.
Freiheit - eine Frage der Verdrahtung?
Im naturwissenschaftlichen Teil des Buches geben die Autoren einen Einblick in die neurobiologischen und psychologischen Grundlagen unserer Entscheidungsprozesse. Sie skizzieren die wichtigsten Schalt- und Regelkreise im menschlichen Gehirn (Kapitel 4) und gehen auf die wichtigsten Stadien der Persönlichkeitsentwicklung ein (Kapitel 5). Sie unterscheiden vier Hauptfaktoren in der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen:
- Genetische Prädisposition für eine bestimmtes Verhalten oder Temperament
- „Eigentümlichkeiten“ der Hirnentwicklung, z.B. Fehlentwicklungen der Großhirnrinde, aber auch spezifische Begabungen
- Vorgeburtliche und frühkindlichen Erfahrungen („affektiv-emotionale Erlebnisse“) wie z.B. frühe Bindungserfahrungen
- Sozialisierende Einflüsse im späteren Kindesalter und der Jugend
Die Autoren zeigen überzeugend, dass auch komplexe psychische Vorgängen eine neuronale Grundlage haben (müssen), aber nicht auf diese reduziert werden können - ähnlich wie ein in einem Computer gespeichertes Gedicht, sich zwar magnetisierten Eisenpartikel niederschlägt, aber in seiner Wirkung auf den Leser damit nicht einmal ansatzweise beschrieben werden kann.
Schuld - ein überholtes Konzept?
Die Antwort der Autoren auf diese Frage lautet: jein. Nein, selbstverständlich sind Menschen im oben diskutierten Sinne fähig selbstbestimmt zu handeln und können daher auch zur Verantwortung gezogen werden. Zugleich aber auch ja, d.h. Schuld bzw. die Schuldfähigkeit eines Menschen ist unter Umständen stärker eingeschränkt als bisher angenommen. Forscher haben einen engen Zusammenhang zwischen extremen negativen frühkindlichen Erfahrungen und späterer (brutaler) Gewaltbereitschaft festgestellt. Wenn aber schwere Misshandlungen im Säuglingsalter die Gehirnentwicklung eines Menschen derartig schädigen, dass dieser im heranwachsenden Alter gar nicht in der Lage ist, seine gewalttätigen Impulse zu unterdrücken, kann dieser Mensch auch nicht als schuldfähig betrachtet werden, so die Autoren.
Wem dies nach fehlangebrachtem Gutmenschentum klingt, der berücksichtige, dass im Umkehrschluss folgt, dass es Menschen gibt, die nicht resozialisiert werden können und immer eine Gefahr für ihre Umwelt darstellen. Sie müssten demnach, führt man diesen Gedanken zu Ende, ihr Leben lang weggesperrt werden - und das schon in jungen Jahren.
In Summe: ein lesenswertes Buch. Trotz anspruchsvoller Thematik gelingt es den Autoren verständlich und nachvollziehbar zu argumentieren. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Naturwissenschaften und Philosophie wird schlüssig aufgelöst. Einziges Manko: die Autoren zitieren vor allem im naturwissenschaftlichen Teil überwiegend sich selbst. Hier wäre eine umfassendere Literaturliste wünschenswert gewesen.
Pauen, Michael; Roth, Gerhard: Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit. Edition unseld 2008, 191 Seiten. ISBN 978-3-51826012-8. Euro 10,00.
